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Mittwoch, 30.1.2019

Selbsttätiges Lernen, Lernateliers:

Erleichtert oder verleidet die Schule unseren Kindern das Lernen?

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«Zur Umsetzung des Lehrplans 21 im Kanton Zürich»

az Limmattaler Zeitung vom 10.2.2015,

Interview mit Martin Wendelspiess, dem Chef des kantonalen Volksschulamtes.

Volksschulamt-Chef: «Der Lehrplan 21 ist eine Offerte an die Kantone»

Gegen den Lehrplan 21 regt sich Widerstand – auch in Zürich. Martin Wendelspiess, der Chef des kantonalen Volksschulamts, erklärt, was sich ändern soll. von Michael Weber

Im vergangenen Herbst hiess es, dass der Lehrplan 21 frühestens im Schuljahr 2017/18 eingeführt wird. Gilt dieser Fahrplan noch?
Martin Wendelspiess: Ja, wir arbeiten auf die Einführung im August 2017 hin.

Warum ein funktionierendes System ändern?
Dazu gibt es zwei gute Gründe. Zum einen haben Lehrpläne eine begrenzte Lebensdauer. Die gesellschaftlichen Ansprüche an die Schulen verändern sich ständig. Zum andern haben wir einen Harmonisierungsauftrag in der Bundesverfassung. Beiden Anforderungen wird der Lehrplan 21 gerecht.

Wäre es nicht sinnvoll abzuwarten, wie andere Kantone den Lehrplan umsetzen?
Jeder Kanton muss seinen eigenen Weg finden. Würden alle bloss darauf warten, wie die anderen den Lehrplan umsetzen, kämen wir kaum vorwärts. Der Kanton Zürich befindet sich mit der Einführung im Mittelfeld. Der Aargau zum Beispiel wartet länger, die beiden Basel übernehmen hier die Vorreiterrolle.

Sie beobachten, wie sich Basel in der Umsetzung schlägt?
Alle Kantone sind immer im Erfahrungsaustausch untereinander. Die Deutschschweizer Lehrplanverantwortlichen trafen sich schon in der Vergangenheit regelmässig und das werden wir mit dem neuen Lehrplan sicher fortführen.

Der Kanton Zürich will den Deutschschweizer Lehrplan 21 beinahe unverändert übernehmen. Wie viel Spielraum bleibt?
Theoretisch haben wir einen grossen Spielraum. Der Lehrplan 21 ist eine Offerte an die Kantone. Wie wir den Lehrplan umsetzen, bleibt uns überlassen.

Aber Zürich will ja eben nicht zu stark abweichen.
Ja, sonst würde der Harmonisierungsgedanke ignoriert. Ausserdem entspricht – zum Glück für uns – die heute im Kanton Zürich pro Schulfach erteilte Anzahl Lektionen in weiten Teilen den zeitlichen Annahmen im Lehrplan 21. Dennoch werden wir leichte Anpassungen in unserem Lehrplan vornehmen.

Wie sehen diese aus?
Das ist noch nicht klar. Die Einführung des Lehrplans 21 im Kanton Zürich wird in enger Zusammenarbeit mit allen Partnern des Schulfelds vorbereitet.

Welche wären das?
In erster Linie die drei Lehrerverbände, die Schulleitungen, die Schulbehörden und natürlich auch die Pädagogische Hochschule. Sie ist für die Aus- und vor allem auch für die Weiterbildung der Lehrer zuständig. Ebenfalls wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem Lehrmittelverlag. Entscheiden wird am Schluss der Bildungsrat.

Apropos Lehrmittelverlag, sind bereits passende Lehrmittel in Produktion?
Einige befinden sich sogar schon in Gebrauch. Wir haben bereits ein neues Lehrplan-21-taugliches Mathebuch eingeführt. Im Französisch arbeiten bereits 30 bis 40 Erprobungsklassen mit einem Lehrplan21-tauglichen neuen Lehrmittel. Anders sieht die Situation bei den Naturwissenschaften aus.

Diese sind ja neu im Fachbereich NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft) integriert. Da gibt es noch keine Lehrmittel?
Im Moment nur teilweise. In der Untergruppe MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sind Lehrmittel in Entwicklung. Aktuell gibt es beispielsweise keine altersgerechten Physik- oder Chemie-Bücher für den Kindergarten oder die Primarstufe. Aber der Lehrmittelverlag Zürich arbeitet auf Hochtouren, dort, wo Defizite bestehen.

Wozu brauchen Kinder in dem Alter überhaupt Chemie oder Physik?
Die Kinder sollen in dem Alter ja keine komplexen Formeln entschlüsseln. Das Interesse für naturwissenschaftliche Phänomene wird geweckt. Die Alltagsfragen der Kinder werden beantwortet, wie beispielsweise, warum der Himmel blau ist oder wieso die Gummi-Ente schwimmt.

Wie sollen denn die Lehrer ohne Lehrmittel unterrichten?
Es gibt zwar nicht in allen Fächern obligatorische Lehrmittel, aber dennoch gibt es Unterlagen zu all den Phänomenen. Es ist sicher vieles verfügbar, aber halt noch nicht kompakt in einem Lehrmittel gebündelt.

Anstatt Wissen abzufragen, sollen Schüler Kompetenzen erlernen. Wie wird dies überprüft?
Kompetenzen beinhalten immer Wissen. Zudem werden bereits heute Kompetenzen abgefragt. Da gibt es also keine grosse Veränderung. Neu ist, dass überprüft wird, ob das Kind sein Wissen auch vielseitig anwenden kann.

Haben Sie ein Beispiel?
Ein Jugendlicher hat in der Schule die Französische Revolution durchgenommen. Später wird der Arabische Frühling im Unterricht behandelt. Nun kann der Schüler Parallelen ziehen zwischen diesen beiden Ereignissen. Gelingt dies, hat das Kind eine sogenannte Teilkompetenz erreicht.

Sind dazu nicht neue Unterrichtsmethoden gefragt?
Nicht unbedingt. Bereits heute funktioniert der Unterricht teilweise so – beispielsweise ist der geltende Kindergarten-Lehrplan komplett kompetenzorientiert.

Wo verändert der Lehrplan 21 den Unterricht?
Die Inhalte verändern sich. Das Fach «Wirtschaft und Arbeit» zum Beispiel erhält einen stärkeren Stellenwert. Bisher wurden Teile davon in der Geografie oder Lebenskunde gestreift, aber niemals so ausführlich.

Müssen neue Lehrer her?
Nein. Die klassischen Fachlehrer wie die Handarbeitslehrerin von früher gibt es heute nicht mehr. Seit einigen Jahren wird in der Ausbildung darauf geachtet, dass die Lehrer vielseitig einsetzbar sind. Zudem verändern sich die Inhalte der grossen Blöcke in Deutsch, Fremdsprachen oder in den Naturwissenschaften nicht radikal.

Wie stellen Sie sicher, dass alle Lehrer sich an diese neue Art der Wissensvermittlung halten?
Im Gegensatz zur letzten Lehrplananpassung vor 25 Jahren haben wir heute eine viel bessere Qualitätssicherung. Zum einen wurden Schulleiter eingeführt, die regelmässig die Lektionen ihrer Lehrer besuchen. Zum anderen haben wir heute auch eine professionelle Schulaufsicht.

Was tun mit renitenten Lehrern?
Da suchen die Verantwortlichen zunächst das Gespräch, es werden gemeinsame Ziele gesetzt und Weiterbildungen vereinbart oder angeordnet. Weigert sich ein Lehrer aber prinzipiell, käme dies einer Verletzung der Berufspflicht gleich. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir solche Fälle haben werden.

Wieso nicht?
Weil im Kanton Zürich die Lehrerorganisationen die Entwicklung des Lehrplans 21 bisher immer positiv mitgetragen haben und die Lehrpersonen professionell arbeiten.

Aber es gibt Kritik - auch von Lehrern. Die SVP will nun im Kanton Zürich erreichen, dass Volk und Parlament statt des Bildungsrats über den Lehrplan abstimmt. Wäre dies nicht demokratischer?
Da kommt es immer darauf an, was man unter Demokratie versteht. In der 180-jährigen kantonalen Volksschultradition hatten wir immer einen – heute – vom Parlament gewählten «Bildungsrat». Es handelt sich also sehr wohl um demokratisch gewählte Personen, die zudem über das nötige fachspezifische Know-how verfügen.

Kommt das Referendum gegen den Lehrplan 21 zustande, um wie viele Jahre verzögert sich die Einführung?
Sollte dereinst das Volk bei einer Abstimmung Nein sagen, müssten wir über die Bücher. Derzeit arbeiten wir unbeirrt weiter. Die Androhung einer Unterschriftensammlung kann nicht einen rechtlich und politisch korrekten Ablauf stoppen.


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