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Mittwoch, 30.1.2019

Selbsttätiges Lernen, Lernateliers:

Erleichtert oder verleidet die Schule unseren Kindern das Lernen?

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Newsletter vom 20.1.2019

Chancen und Förderung für alle Kinder!

Der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR) beklagt die mangelhafte Chancengleichheit unseres Bildungssystems, und er hat gleich ein Patentrezept dagegen: Die Selektion müsse nach oben verschoben werden, auf den Übertritt zur neunten Klasse. Andere Stimmen fordern eine bessere Begabtenförderung, so der LCH, der, verpackt in den LP 21, ein Angebot «für beide Enden des Begabungspotenzialspektrums» fordert – dieses grässliche Wortkonstrukt muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Wo war der SWR, als die gravierenden Mängel des Lehrplan 21 auf den Tisch gelegt wurden? «Das hehre Gremium würde sich gescheiter mit dem Lehrplan 21 befassen», so schreibt Hans-Peter Köhli zu Recht in seinem Leserbrief in der Weltwoche. Dasselbe gilt für den LCH. Wir Kritiker, viele darunter erfahrene Pädagogen, warnen seit Jahren: Mit dem sogenannt selbstorganisierten Lernen anstelle der sorgfältigen Einführung und des strukturierten Aufbaus des Lernstoffs durch den Lehrer werden zahlreiche Kinder, gerade auch die fremdsprachigen, durch die Maschen fallen. Denn wer zu Hause niemanden hat, der ihm den Stoff erklären und mit ihm üben kann, wird immer mehr zurückfallen. Die Folge, so Carl Bossard: «Die Schere im Bildungsmilieu öffnet sich weiter.»

Das ist die haarsträubende soziale Ungerechtigkeit im heutigen Bildungswesen: Weit entfernt davon, zur Ausgleichung der sozialen Unterschiede beizutragen, werden diese durch die heutige Volksschule multipliziert. Klar war das Bildungssystem nie völlig gerecht, aber in meiner eigenen Schulzeit haben praktisch alle Kinder lesen, schreiben und rechnen gelernt, und nicht wenige ehemalige Oberschüler sind später Chefsekretärin oder Abteilungsleiter geworden. Weil alle die nötigen Grundlagen aus der Schule mitgebracht haben, hatten sie ihre Chancen im Leben – nutzen musste sie jeder selbst.

Geradezu arrogant ist deshalb auch die hauptsächliche Fixierung des SWR auf Gymnasium und Hochschule zur Sanierung sozialer Ungerechtigkeit im Bildungswesen. Die Schweiz hat ein hervorragendes duales Berufsbildungssystem, dank dem fast alle Schulabgänger eine Ausbildung machen können und das infolge seiner Durchlässigkeit vielfältige Weiter­bildungen, auch auf Hochschulebene, ermöglicht. Im Gegensatz zu Ländern mit hoher Maturaquote haben wir deshalb auch die geringste Jugendarbeitslosigkeit, was für die ein­zelnen jungen Menschen, nicht nur aus ökonomischen Gründen, von enormer Bedeutung ist.

Um auf die anfangs genannte abstruse Idee des SWR zurückzukommen: Mit der Verschiebung der Selektion nach oben ist nichts getan. Damit sind wir bei einer weiteren schreienden Ungerechtigkeit der heutigen Volksschule: der Inklusion sämtlicher Kinder ins gleiche Schulzimmer, verbunden mit einem Heer von Sonderpädagogen und anderen Zusatzkräften. Viele Kinder sind früher in Kleinklassen, die auf ihre persönliche Situation zugeschnitten waren, so gut gefördert worden, dass sie den Anschluss an die Regelklasse wieder gefunden haben. Heute sitzen die einen entmutigt und abgehängt in einer bunten Gesellschaft, die man nicht «Klasse» nennen kann, sondern eher eine Ansammlung von Einzelkojen. Andere kommen dagegen nicht so voran, wie sie eigentlich könnten, wenn der Lehrer – neben seinen zahlreichen administrativen Aufgaben, die ihm von oben aufgebrummt werden – Zeit dafür finden würde, mit ihnen gezielt und in Ruhe zu lernen.

Kinder brauchen in der Schule keinen Coach (siehe das Interview mit Allan Guggenbühl) und auch kein Tablet (siehe «Keine Smartphones und Tablets: Was Kinder wirklich brauchen» von Mario Andreotti). Was an erster Stelle stehen muss, sind echte, vertrauenswürdige Beziehungspersonen, die sich für jedes Kind interessieren und es dort fördern, wo es seine Stärken hat, aber auch dort, wo es noch unsicher ist. Jedes Kind hat das Recht, gefördert zu werden, nicht nur die «Begabten». Im Gegenteil: Leistungsstarke Kinder – das wissen viele von uns aus eigener Erfahrung – werden immer Gelegenheiten finden oder erfragen, um den Problemen auf den Grund zu gehen und voranzukommen.

Unser Redaktionsteam wünscht Ihnen eine anregende Lektüre.

Marianne Wüthrich

 

Inhalt

  • Chancen und Förderung für alle Kinder!
  • «Kinder werden überfördert»
  • Wenn es im Klassenzimmer knistert
  • Das Bildungssystem bleibt ungerecht
  • Soziale Selektivität
  • «Das Bildungssystem bleibt ungerecht»
  • Bewertungsmanie im Schulsystem
  • Nicht bedachte Nebenwirkungen
  • Nivellierung nach unten
  • Sammlung von Schnapsideen
  • Fördern ja – aber die Richtigen
  • Förderung von Begabungspotenzialen als Grundauftrag aller Schulstufen
  • Keine Smartphones und Tablets: Was Kinder wirklich brauchen
  • Einspruch! 2
  • Veranstaltungshinweise
    25.1.2019: Bildungspolitik auf dem Holzweg?
    30.1.2019: Selbsttätiges Lernen, Lernateliers:
    4.5.2019: Time for Change? – Teil II: Im Hamsterrad
    Öffentliche Vorträge zum Thema Pädiatrie, Schule & Gesellschaft 2019

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